K. Wolf u.a. (Hrsg.): Saints and their Legacies in Medieval Iceland

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Titel
Saints and their Legacies in Medieval Iceland.


Herausgeber
Wolf, Kirsten; Bullitta, Dario
Reihe
Studies in Old Norse Literature
Erschienen
Suffolk 2021: Boydell & Brewer
Anzahl Seiten
xvi, 402 S., 9 SW-Abb., 8 Karten
Preis
£ 75.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kathrin Chlench-Priber, Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur und Kulturwissenschaft, Universität Bonn

Der von Dario Bullitta und Kirsten Wolf herausgegebene Sammelband ist aus einem 2018 an der Universität Turin veranstalteten Symposion hervorgegangen. Sein Gegenstand ist die Genese und Entwicklung der Heiligenverehrung im mittelalterlichen Island aus einer historischen und philologischen Perspektive. Der Band gliedert sich in die vier Teile The Search for Holy Books, Holy Bishops, Holy Men and Angels und Holy Maidens und wird von einer die Einzelbeiträge zusammenfassenden Einleitung von Dario Bullitta eröffnet, in der er die beiden Haupterkenntnisse hervorhebt: So wird aus den Untersuchungen erstens deutlich, dass die isländische Hagiographie Mustern folgte, die aufgrund der Missionsgeschichte und den durch die See verbundenen Kulturraum in den angelsächsischen und kontinentaleuropäischen Kontext eingebettet sind und an den dort geführten theologischen und literarischen Diskursen wie religiösen Praxen partizipierte. Zweitens werden aber auch die spezifischen Wege der Aneignung dieser fremden Quellen und Modelle in isländische Kontexte exemplifiziert. Mit diesen Ergebnissen bestätigt die Hagiographieforschung Beobachtungen, die auch für andere Felder der mittelalterlichen Schriftlichkeit Geltung beanspruchen können, nämlich, dass Island in regem Austausch mit den britischen Inseln und dem Kontinent stand, aber teils sehr spezielle, auf die eigenen Kontexte zugeschnittene Wege bei der Adaption beschritt.1

In formaler Hinsicht ist der Band nicht in allen Teilen einheitlich und fehlerfrei. So wird der Umgang mit fremdsprachlichen Zitaten unterschiedlich gehandhabt: Sehr selten geht eine Übersetzung dem Text voraus (z.B. S. 290) oder unterbleibt (z.B. S. 42), manchmal werden Übersetzungen in der Fußnote wiedergegeben (vgl. den Beitrag von Dario Bullitta), zumeist aber im Anschluss an den zitierten Text. Zu loben ist zwar der Umfang der ausführlichen Bibliographie, die vorliegende Editionen der altnordischen Heiligenlegenden und die aktuelle Forschungsliteratur summiert, allerdings folgt diese – ebenso wie die vorangestellte Liste der Beiträger:innen – keinem stringenten Ordnungsmuster, da Isländer:innen nicht konsequent gemäß ihrer Vornamen und nicht-Isländer:innen nicht gemäß ihrer Nachnamen eingeordnet werden.2 Im Zweifelsfall müssen Forscher:innen in der Bibliographie sowohl unter ihrem Vor- als auch ihrem Nachnamen nachgeschlagen werden. Überaus nützlich und detailliert ist aber der abschließende Generalindex, der Personen, Werke, Orte und Sachen verzeichnet.

Der Eröffnungsbeitrag von Kirsten Wolf informiert über die Editions- und Forschungsgeschichte isländischer Heiligensagas und nennt ausstehende Desiderate. In erster Linie sind dies fehlende oder aufgrund von neuen Handschriftenfunden mittlerweile veraltete Editionen, aber auch das bislang wenig bearbeitete Feld der Heiligengedichte, die sich insbesondere nach der Reformation großer Beliebtheit erfreuten. Einen ersten exemplarischen Beitrag dazu, diese Forschungslücke zu verkleinern, liefert der Beitrag von Natalie M. Van Deusen im vierten Teil des Bandes, der sich mit Texten zur Heiligen Agnes (der Legende zufolge 3. Jahrhundert) befasst und ihre Darstellung von den ältesten mittelalterlichen Legenden bis zu handschriftlich überlieferten Gedichten des ausgehenden 19. Jahrhunderts untersucht.

Die Beiträge von Stephen Pelle und Dario Bullitta aus dem ersten Teil sowie von Gottskálk Jensson aus Teil zwei setzen auf der Basis isländischer Handschriften an und eruieren mit größter philologischer Genauigkeit deren lateinische Quellen im Geflecht der europäischen Überlieferung. Überzeugend können Pelle und Bullitta in ihren Einzelstudien die Rezeption lateinischer kontinentaler Vorlagen nachweisen; Gottskálk kann nicht erhaltene, auf Island geschriebene lateinische Vorlagen für die volkssprachige Bischofssaga Þorláks saga helga sehr wahrscheinlich machen. Alle drei leisten damit einen weiteren Beitrag gegen die veralteten Thesen, dass Island an theologischen europäischen Diskursen nicht partizipiert habe und die Latinität auf Island – wenn überhaupt – so doch eine absolut marginale Rolle gespielt habe.

Interferenzen zwischen Bischofssagas und den traditionellen Gattungen der volkssprachigen isländischen Literatur arbeiten Haki Antonsson und Fulvio Ferrari heraus. Der Erstgenannte legt in überzeugender Weise typologische Denkmuster in der Jóns saga helga frei und zieht anknüpfend an seine bisherigen Forschungsergebnisse3 strukturelle Parallelen zu weltlichen Texten aus den Genres der Sagas, der Liederedda und der Skaldik. In seiner Darstellung unberücksichtigt lässt er dabei die Tatsache, dass der Physiologus, das Musterbeispiel für typologisch-christliche Tierdeutung, bereits im 12. Jahrhundert ins Isländische übersetzt wurde. Da der Physiologus nicht nur typologische Deutungsmuster enthält, sondern diese auch reflektiert, wäre es denkbar, ihn einzubeziehen, um weitere Zusammenhänge zwischen Texten christlichen und weltlichen Inhalts aufzuzeigen beziehungsweise weitere strukturelle Ähnlichkeiten aufzudecken. Fulvio Ferrari argumentiert ebenfalls vergleichend und arbeitet in seinem Beitrag zur Lárentíuss saga byskups deren motivische und erzählerische Ähnlichkeiten zur isländischen volkssprachigen Dichtung aus dem Bereich der Skaldik und der Isländersagas heraus, die – so seine These – auf das zeitgenössische Publikum zugeschnitten seien, um dieses sowohl zu erbauen als auch zu unterhalten.

Einen Zugriff aus der Perspektive der memory studies wählt Ásdís Egilsdóttir im letzten Beitrag des zweiten Teils, in dem sie die Rolle von Erinnerungstechniken in Bischofs- und Heiligensagas hervorhebt. Auf inhaltlicher Ebene werden Gelehrsamkeit und memoria-Fähigkeit der Heiligen gepriesen; auf erzählerischer Ebene finden sich viele Bilder aus dem Bereich der Mnemotechniken; zudem dienten die Texte selbst als Medium der memoria. In dieser Klarheit wurde der Aspekt der Rolle der Erinnerungstechniken für die Untersuchung von Heiligenlegenden meines Wissens noch nicht formuliert, er sollte aber in der zukünftigen Forschung durchaus eine größere Berücksichtigung finden.

Die Ordensgründer Benedikt von Nursia (um 480-547) und Dominikus von Caleruega (um 1170-1221) stehen im Zentrum der Beiträge von Mauro Camiz und Simonetta Battista. In der Benedikts saga kann Camiz als Bearbeitungstendenzen in Bezug auf die Quellen und ihr Verhältnis zur Regula Benedicti eine Simplifizierung des Detailreichtums, das Weglassen von Dialogelementen (anders Bullitta, S. 7) und damit einhergehend einen höheren Grad der Abstrahierung zu Gunsten der Ausschärfung von moralischen Aspekten feststellen. Inwiefern diese Bearbeitungstendenzen quer zum dialoglastigen Stil volkssprachiger Sagas stehen, wäre noch genauer zu untersuchen. Battista nimmt in ihrem Beitrag zur Dóminíkuss saga aus der Reykjahólabók deren Quellen und Überlieferung sehr differenziert in den Blick, um die Legende des heiligen Ordensgründers, dem auf Island allerdings kein Kloster geweiht war, historisch zu verorten.

Im Zentrum des Beitrags von Margaret Cormack, dem letzten dieses Abschnitts, steht die Verehrung des heiligen Erzengels Michael auf Island. Unter Auswertung von Predigten, Güterverzeichnissen, literarischen Texten, Testamenten, Schenkungen, Gebetstexten und Bildzeugnissen kann Cormack die Bedeutsamkeit der Verehrung des Erzengels umfassend dokumentieren. Als Engel wird ihm insofern eine spezielle Form der Devotion zuteil, als seine Verehrung auch nach der Reformation anders gelagert war als die heiliggesprochener Menschen und dementsprechend als in religiöser Dimension weitestgehend unproblematisch weiterhin gepflegt wird.

Die beiden Beiträge des letzten Abschnitts setzen sich mit der Verehrung von weiblichen Heiligen auseinander. Helgi Þorláksson reflektiert den Heiligennamen Katharina (von Alexandrien, der Legende zufolge 3.-4. Jahrhundert) in isländischen Toponymen, die möglicherweise auf spezifisch isländische Gebetspraxen hindeuten, in denen Katharina als Patronin für die Aufzucht jungen Viehs angerufen wird. Diese sehr umsichtige Studie, die – wie auch schon die Margaret Cormacks – über die Berücksichtigung legendarischer Schriftquellen weit hinausgeht, weist den Weg, wie Legenden kontextualisiert werden können. Den Abschluss des Bandes bildet der Beitrag zur Agnes-Legende von Natalie M. Van Deusen. Überzeugend kann sie an ihren Beispieltexten nachweisen, wie formbar der Agnes-Stoff war. Die einstmals als Legende konzipierte Erzählung wurde bis ins 19. Jahrhundert im reformierten Island bearbeitet und rezipiert, weil sich die Figur der Agnes auch als Rollenvorbild für eine tugendhafte, weibliche Lebensführung lesen ließ und zudem romantische wie unterhaltsame Elemente enthielt. Inwiefern eine solche Umfunktionalisierung auch für weitere Legenden in Anschlag gebracht werden kann, wäre zu prüfen.

Methodisch sind die Beiträge allesamt einer handschriftenbasierten Herangehensweise verpflichtet, indem sie sich nicht bloß auf Editionstexte verlassen. Zudem werden außerliterarische kulturelle Kontexte angemessen in den Untersuchungen berücksichtigt. Insgesamt hat der Band mit seinen exemplarischen Studien, die weitere Forschungsperspektiven eröffnen, einen wegweisenden Charakter für künftige Forschungen zu Heiligen – nicht nur auf Island.

Anmerkungen:
1 Vgl. z.B. die Monographie zum Bildungssystem im mittelalterlichen Island von Ryder Patzuk-Russell, The Development of Education in Medieval Iceland. The Northern Medieval World: On the Margins of Europe. Berlin/Boston 2021.
2 So wird z. B Ásdís Egilsdóttir auf S. ix unter „A“ und auf S. 345 unter „E“ gelistet; Beiträger:innen wie Mauro Camiz und Margaret Cormack werden fälschlich im Beiträgerverzeichnis unter „M“ aufgeführt (S. x).
3 Haki Antonsson, Salvation and Early Saga Writing in Iceland. Aspects of the Works of the Þingeyrar Monks and Their Associates, in: Viking and Medieval Scandinavia 8 (2012), S. 71–140.